Miete

Einmal mehr habe ich auch letzten Freitag wieder für einen Monat die Miete überwiesen. Der Verwalter schickte die Mahnung direkt an mich.
Was bleibt mir schon übrig? Angeblich hat Marc den Antrag für Arbeitslosengeld bzw. Hartz IV schon im Januar abgegeben. Wird wohl gelogen sein, wie schon so oft.
Immerhin kam gestern die Mitteilung von ihm, das er Geld überwiesen bekommen hat. 
Doch an der Summe kann ich grob überschlagen, das es mit Januar nicht stimmen kann. Bin gespannt, ob er das Versprechen, mir die Mieten zurückzuzahlen, einhält.
Besonders erfreut bin ich, dass das Arbeitsamt mir geschrieben hat. Der Brief war nicht zu begreifen, wimmelte von Paragraphen und unverständlichen Sätzen ... und ich halte mich nicht für ungebildet. Wie kann man so einen Schrieb verschicken?
Meine Annahme, dass sich die ARGE mit dem Schreiben wegen der Unterhaltsansprüche absichern will, ist schon richtig. Marc ist noch nicht 25 Jahre, da muß ich ihn finanziell unterstützen.
Wie das geht, weiß ich noch nicht. Mein Verdienst ist nicht hoch.  Im Sommer endet das Kindergeld für die Tochter. Ob diese dann eine Arbeitsstelle findet, steht in den Sternen. Sie wird vielleicht vorübergehend zu uns ziehen, denke ich.
Eventuell werden wir heiraten. Dann ist die Witwen-Rente auch weg. Theoretisch muß mein Mann mich nun unterhalten, weil mein Geld für Marc draufgeht? Das begeistert mich nicht.
Irgendwie macht Marc mich damit auch zu einem Sozialfall.

Anna

24.4.08 17:46, kommentieren

Verstört

14 1/2 Jahre alt war Marc, als sein Vater starb. Am Abend vorher hatte ich mit den Kindern darüber gesprochen, das ihr Vater bald sterben würde. Doch dieser frühe Zeitpunk war nicht zu erwarten gewesen.
Unsere 12 jährige Tochter war zum Krankenhaus gegangen, hatte ihren Vater besuchen wollen. Sie fand ihn schlafend vor und als er nicht zu wecken war, hegte sie gleich den Verdacht, das er nicht schlief, sondern gerade gestorben war. Sie wollte mich anrufen, konnte mit dem Telefon am Krankenbett jedoch nicht umgehen und wußte dann nicht, was sie tun sollte.
Eine Schwester kam dazu, erkannte die Situation und rief mich an.

Es machte mir Sorgen, dass dieses Erlebniss bei meinem Mädchen einen Schock auslösen könnte, aber sie schien mit der Situation gut umgehen zu können.


Anders Marc. Nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus nahm er wortlos unseren Hund und verließ für mehrere Stunden das Haus. Ich habe ihn nicht weinen sehen.
Ich habe ihn überhaupt nie weinen sehen nach dem Tod seines Vaters.

 
Anna

12.4.08 23:01, kommentieren

Der Kater

Marc ist am vergangenen Sonntag abgereist. Zwei Wochen ist er geblieben.
In der zweiten Woche waren wir wieder arbeiten und Marc war tagsüber sich selber überlassen, hat länger geschlafen, einige ihm aufgetragene Arbeiten erledigt, hat sich die Zeit mit PC oder Spielkonsolen vertrieben.
Er selber äußerte gegen Ende der 2 Woche den Wunsch in seine Wohnung zu fahren, ihm fehlten seine Freunde.
Nachdem mir auffiel, dass er auch bei uns seinen Kater nicht regelmäßig mit Wasser und Futter versorgte, fragte ich ihn einmal mehr, ob ihm nicht klar sei, dass diese Vernachlässigung Tierquälerei sei und er damit den Tod des Katers in Kauf nähme.
Er schweigt zu solchen Fragen meist. So schlug ich ihm ein weiteres Mal vor, das er den Kater in unsere Obhut geben könne ... und tatsächlich willigte er ein.
Als ich im vergangenen Jahr auch diese Thematik mit unserem Hausarzt besprach, meinte dieser, wir könnten ihm den Kater nicht wegnehmen, weil Marc auch etwas zum kuscheln bräuchte.
Nun hat er ihn freiwillig bei uns gelassen.
Gestern besuchte Marc mich bei meiner Arbeitsstelle.
Unser Hausarzt möchte, das ich zum nächsten Termin mitkomme, berichtete er mir.
Vielleicht hat er verschiedene Therapievorschläge ... oder wenigstens EINEN .. der für Marc in Frage kommen könnte.
Ich hoffe darauf, dass es weitergeht.

Am 1. April rief mich meine "fast"Schwiegertochter an, um mir mitzuteilen, mein Erstgeborener habe seine neue Arbeitsstelle verloren, nach nur 2 Wochen. Sie klang verzweifelt. Ich war erschrocken.
Da ich gerade etwas Wichtiges erledigen mußte, versprach ich, so bald als möglich zurückzurufen.
Nach 2 Minuten rief sie ein zweites Mal an, um mit dem Ruf "April, April!!" die Geschichte als Scherz zu entlarven.
Blöder Scherz. Einmal mehr wird mir klar, das Kinder nicht wissen, wie oft Eltern sich Zeit ihres Lebens Sorgen
um sie machen. Selbst am nächsten Morgen konnte ich noch nicht über diesen Scherz lachen. Der kostet mich ein Lebensjahr.

Anna

4.4.08 23:29, kommentieren

Eine normale Familie

Wir haben diese Woche frei und trotz des scheußlichen Wetters möchten wir die Zeit nutzen, um im Garten die Sträucher zu beschneiden, einige Bäume zu fällen und Kaminholz zu hacken.
Wir haben Marc dazu geholt. Er hat ja nichts zu tun.
Einerseits kriegt er das regelmäßige Arbeiten nicht auf die Reihe, andererseits kommt er sofort, wenn es etwas zu erledigen gibt. Auch im Freundeskreis der Kinder packt er überall mit an, holt auch schon mal Nachts die Mädels als Begleitschutz von der Disco ab, hilft bei Umzügen, beim Tapezieren oder Entrümpeln.
Da ist er auch verläßlich.
Für ein paar Tage - bis Ostersonntag - wird er nun bei uns bleiben. Da sind wir dann wie eine normale Familie, wo das erwachsene Kind zu Besuch kommt. Er wirkt gelassen und ausgeglichen auf mich, aber das ist immer so. Meiner Meinung nach fühlt er sich bei uns wohl .. vielleicht sogar behütet.

Anna

 

20.3.08 14:36, kommentieren

Sein Versprechen

Am späten Sonntagnachmittag schickte ich meiner fast-Schwiegertochter eine Nachricht: "Wenn ihr Zeit habt, fahrt doch bitte mal bei Marc rum. P. hat den Schlüssel. Er hat versprochen, seine Wohnung sauber zu machen." 
Sie rief sofort an:"Echt? Er will seine Wohnung sauber machen?!" fragt sie ungläubig.. "Stimmt das? Du hast seine Miete gezahlt? .. hat er gesagt!" will sie dann wissen. Ich räuspere mich und antworte kurz: "Ja."  Doch sie sagt nichts darauf, ruft stattdessen meinem Sohn P. zu:
"Schatz, ..wollen wir eben zu Marc fahren? Wir fahren.. bis nachher."

Eine halbe Stunde später geht das Telefon wieder."Was denkst du?" fragt sie. "Ich denke, er hat es gemacht." antworte ich. (Stimmt nur halb, ich habe es gehofft.) 
"Du hast recht. Alles sauber. Es duftet in der Wohnung sogar nach Putzmittel. Man kann den Fußboden sehen. Das verschimmelten Geschirr ist abgewaschen, sogar der Kühlschrank ist ausgeputzt, das Bad ist sauber, der Boden gewischt, das Bett sauber bezogen, Wäsche gewaschen und das Katzenklo gereinigt. Wir dachten, in der falschen Wohnung zu sein."
Ihn haben sie nicht angetroffen.

Ich freute mich sehr. Später war Marc bei seinem Cousin am PC. Der hat ihm auch beim Saubermachen geholfen, wie ich dann erfahre. 
Ich lobe ihn, weil er das Versprechen gehalten hat. Da schreibt er mir:"Irgendwann muß ich ja auch mal selber sehen, das ich meinen Kram fertig kriege."

Ich freue mich über den Satz. Vielleicht wendet sich doch langsam alles zum Guten.

 Anna

 

17.3.08 18:22, kommentieren

Schwäche ?

Der Arzt hat ihm ein Mittel gegen Depressionen verschrieben. Vermutet hatte ich es sofort .. eine Suche nach dem Medikament im Internet brachte Gewissheit. 
Nach ungefähr eine Woche soll eine Stimmungsaufhellung einsetzen.
Es sollen aber auch noch weitere Untersuchungen in der Praxis stattfinden. Schilddrüse und ein EEG glaube ich auch. Kann ja kein Fehler sein. 
Meine Annahme ist, dass Dr. B. damit auch erreichen möchte, Marc aus unterschiedlichen Gründen regelmäßig in der Praxis erscheinen zu lassen, um ihn sanft in Richtung psychologische Behandlung zu drängen.
Das hat Marc ja bisher kategorisch abgelehnt. Doch wir sind uns seit Jahren alle einig im Familien- und Freundeskreis, das er dringend einer solchen Behandlung bedarf.
Vor ungefähr 9 Jahren starb sein Vater. Das hat ihm einen derartigen Schlag versetzt, dass mir die Bedeutung des Wortes "Schicksalsschlag" zum ersten Mal richtig bewußt wurde.

Am Mittwoch klingelte mein Handy. "Hallo Mama, ich bin es .. Marc. Der Vermieter hat angerufen... ich muß bis Morgen die Miete für 2 Monate bezahlen."
Ich bleibe ruhig und antworte ziemlich knapp: "Ja? Dann bezahle es. Mich geht es nichts an. Du bist erwachsen, hattest eine dritte Chance bei der Arbeitsstelle bekommen, die du vergeigt hast .. ich zahle nicht mehr für dich."
Am anderen Ende herrscht Schweigen. Er wartet wohl, das ich einlenke , wie immer seuftze und dann sage, wo er das Geld abholen kann. Aber heute nicht. Ich will es nicht. Ich möchte ihm so sehr helfen, doch finde ich nicht den richtigen Weg.
Also unterbreche ich sein Schweigen:" Ist sonst noch was?" "Nein", er legt auf.
Abends chatte ich mit dem Großen und mit einer Freundin meiner Kinder, die Marc zum Arzt begleitet hat.
Ich erzähle von seinem Anruf. "Du bleibst ja wohl hart." schreiben Beide. "Gib ihm nicht schon wieder das Geld."
Sie sind ebenfalls sauer, das er seine Arbeit schon nach 2 Wochen wieder verloren hat, weil er keine Lust hatte hinzugehen. Er schnorrt sich ja nun auch bei allen durch, hat keinen Cent für Essen oder auch für Futter für seinen Kater.

Am Freitag steht Marc bei meiner Arbeitstelle vor der Tür.
"Bitte Mama, ich hab noch eine Chance bekommen, bis heute zu zahlen. Ich zahle es dir ganz bestimmt zurück (das wäre das erste Mal). Ich kriege bald den Bescheid über Hartz IV. Bitte. Ich fange auch an, die Schulden davon abzuzahlen."
Er schaut mich bittend an. Ich überlege, was ich tun soll: Angenommen, die beginnende Behandlung bringt Ergebnisse, ist es da gut, wenn er gleich als Obdachloser beginnt? Wen kann ich fragen? Die Zeit brennt unter den Nägeln. Ich bin auf der Arbeit, der Vermieter will das Geld sofort.
Also muß ich die Entscheidung alleine treffen.
"Du versprichst mir, das du übers Wochenende deine Wohnung blitzsauber putzt. Ich schicke deinen Bruder zum kontrollieren." Das verspricht er mir sofort mit mehrmaligem Nicken "Mach ich ganz bestimmt".
Ich gehe zur Bank rüber und gebe ihm die Mieten für - mit einem mal - 3 Monate. Er bezahlt sie auch sofort in bar beim Vermieter und bringt mir die Quittung.
Ich erzähle es erst niemanden, weiß jetzt schon, das ich dafür mit Kopfschütteln und unangenehmen Kommentaren bedacht werde.
Abends, als wir schon zu Bett gegangen sind - das Licht ist bereits gelöscht - erzähle ich meinem Lebensgefährten davon und er unterstützt meine Entscheidung sofort mit den Worten:"Ich hätte es ihm auch gegeben."

Anna   

16.3.08 17:57, kommentieren

Gerade habe ich mit meinem ältesten Sohn gesprochen.
Er hat erfahren, das Marc heute endlich einmal zum Arzt gegangen ist.
Schon lange sind wir der Meinung, dass er dringend psychologische Hilfe benötigt. Doch bisher hat er sich verweigert.

Nun habe ich auf anraten unseres Hausarztes jede weitere Hilfestellung abgelehnt. Seit Mitte Januar gibt es von mir nichts mehr. Kein Geld, kein Brot, auch kein Besuch in seiner verdreckten Wohnung, die ich zwischendurch immer mal wieder sauber gemacht habe..

Es war ein weiter Weg bis zu diesem Punkt. Auch jetzt fällt es mir unglaublich schwer.
Ich habe jedoch einsehen müssen, dass meine Hilfe im nicht wirklich hilft.
Unser Hausarzt hat mir klargemacht, das Marc nichts ändern wird, solange darauf Verlass ist, das die Mama Essen bringt, die Miete zahlt und für die Katze sorgt.

"Warum soll Marc etwas ändern?" hat er mich gefragt. Die Mama regelt doch alles."
Und dann sagte er:"Es ist Marc´s Leben. Sie können nichts daran ändern. Das kann nur er. Und selbst wenn er sich entscheidet, sich auf die Schienen zu legen, dann ist es seine Entscheidung. Selbst das könnten sie nicht verhindern."

Anna

1 Kommentar 11.3.08 17:57, kommentieren